René Auberjonois

«Er malt Bilder, die vom Betrachter erobert werden müssen, wie C.F. Ramuz eine Poesie schreibt, die vom Leser erworben werden muss.» Gotthard Jedlicka, 1947 – So vergleicht der Kunsthistoriker Gotthard Jedlicka die Malerei des Waadtländers Rene Auberjonois mit der Dichtkunst von dessen Freund und langjährigem Weggefährten Charles Ferdinand Ramuz. Die Bilder von Auberjonois sind nicht leicht zugänglich. Sie erschliessen sich in ihrer Schönheit und in ihrem spröden Charme nur dem geduldigen Betrachter. Die warmen braunen, grünen und grauen Farbtöne springen nur wenig ins Auge.

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Im Vergleich zu anderen, in dunkleren Farben und statischeren Formen gehaltenen Arbeiten des Künstlers darf das Porträt Jeune fille au maillot rouge aus der Mobiliar-Sammlung als farbig frisch und leuchtend bezeichnet werden. Ein mit lockerem Pinselstrich hingeworfenes blaues Hutband setzt einen lebendigen Kontrast zum roten Kleid; dazwischen blickt das junge Mädchen, von einem Hauch Melancholie umgeben, versonnen vor sich hin. Die sonst etwas starre und distanzierte Haltung seiner Figuren ist in diesem Bildnis nicht wiederzufinden. In der zögerlichen Neigung des Kopfes wird eine liebenswürdige Zuneigung des Künstlers zum Modell spürbar.

Auberjonois' Thematik kreist um den Menschen, und er beschäftigt sich daher auch intensiv mit dem Bildnis. Er tut dies allerdings nicht in einem herkömmlichen Sinne: Die äussere Ähnlichkeit mit dem Menschen ist für ihn zweitrangig, vielmehr sucht er die innere Wahrheit des Modells zu ergründen und strebt nach dem Einklang dieser Wahrheit mit den malerischen Gesetzen von Form und Farbe. Dies kann soweit gehen, dass ein Porträt, welches vom Auftraggeber nach der letzten Sitzung mit Freude aufgenommen worden ist, nach der definitiven künstlerischen Umsetzung vom Kunden enttäuscht verworfen wird. Seine kompromisslose Haltung, die nur dem Bild und nicht primär dem Auftraggeber genügen will, und seine Hartnäckigkeit, den Weg der Moderne nach seinem grossen Vorbild Cézanne weiterzugehen, haben ihm einen herausragenden Rang in der Schweizerischen Kunstgeschichte beschieden. Obwohl er als moderner Künstler gilt und mit öffentlichen Aufträgen wie zum Beispiel der Belle de Dézaley (1936) Aufsehen erregt, bleibt er seiner Vorliebe zur klassischen Komposition und zur gedämpften, von Braun und Ocker beherrschten Farbgebung treu. Zu Generationsgenossen wie Alice Bailly, Gustave Buchet und Rodolphe-Theophile Bosshard, von welchen sich ebenfalls Werke in der Sammlung befinden, hatte Auberjonois keinen Kontakt.

(Quelle: Katalog ‚Innovation und Tradition‘, Bern 2001)

 

René Auberjonois wurde 1872 in Lausanne (CHE) geboren; er starb 1957 ebenda.

Tätigkeitsbereiche: Malerei, Zeichnung, Grafik

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