Eva Haas

Die Künstlerin liebte es, nachts auf der Gartenmauer ihres kleinen Hauses in der Nähe von Orvieto zu sitzen und, das Lied «Salutami le stelle» von Francesco de Gregori summend, den endlosen Sternenhimmel zu betrachten. Solche Momente inspirierten sie für ihre Kunst, der sie sich in Italien nach ihrer Pensionierung als Lehrerin ganz widmen wollte. Als Eva Haas im Frühjahr 1998 starb, brach damit die Laufbahn einer Künstlerin ab, die mit qualitativ hochwertigen Werken gerade einen weiteren künstlerischen Aufschwung erlebte.

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Ihre späten Arbeiten lassen absolut nichts ahnen von der schweren Krankheit, mit der sie zu kämpfen hatte. Im Gegenteil, die letzten Bilder sind erfüllt von einer geheimnisvollen, gleichsam überirdischen Strahlkraft. Sie vereinen Konzentration und Gelassenheit, Wissen und Selbstvertrauen. Das Spiel der kristallinen Formen und die bezaubernden Farbklänge des Bildes Salutami le stelle fesseln Auge und Gefühl. Die Geometrie täuscht stereometrische Körperformen vor. Helle Volumen heben sich vom Bildgrund ab, während dunklere Flächen wie Löcher in ihm versinken. Erinnerungen an kaleidoskopartige Strukturen oder an Kassettenmuster, deren mosaikartige Formen optisch vor und zurückspringen, tauchen auf. In den 70er Jahren beschäftigte sich die Künstlerin intensiv mit den Vexierbildern M.C. Eschers, deren täuschende Wirkung sie beeindruckte. Solche Vorbilder klingen hier wieder an. Zur prägnanten geometrischen Flächenaufteilung tritt ein ungewohnter Farbklang. Neben Hellblau und Türkis bekämpfen sich Rot und Pink, dazwischen strahlt Gelb; schliesslich reisst Schwarz den Blick in die Tiefe, Salutami le stelle ist der Titel einer Reihe von Bildern, welche die Harmonisierung problematischer Farbenzusammenstellungen zum Thema haben. Durchflutet von einer kosmischen Leuchtkraft stellt das Gemälde der Mobiliar, das bedeutendste unter ihnen, einen letzten Höhepunkt im malerischen Werk der Künstlerin dar. Es vereint den durch Ihren Aufenthalt in Ägypten erfolgten Durchbruch der Farben mit der reichen Erfindung verschlungener geometrischer Muster, die ihrerseits in der arabischen Kultur ihre Heimat haben. Was Haas als Gedanken in einer biografischen Notiz im Jahr 1982 festhielt, nämlich Malerei als Herausforderung zu betrachten, dissonante Farben in eine Harmonie zu bringen und in sie einzutauchen im «schwebenden Umkreisen einer noch zu erfindenden Ordnung», hat sie in diesem Werk vollendet.

(Quelle: Katalog ‚Innovation und Tradition‘, Bern 2001)

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