Chantal Michel

© Chantal Michel

Von der Skulptur her kommend arbeitet Chantal Michel heute hauptsächlich mit den Medien Fotografie, Video und Performance. Nach dem Motto Friedrich Dürrenmatts, dass die Wirklichkeit eine Unwahrscheinlichkeit darstelle, die eingetreten sei, setzt die Künstlerin mit sanften Verkleidungen ihren eigenen Körper wirkungsvoll in Szene.

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Sie sammelt leidenschaftlich kostbare Kleider und Accessoires, die sie in ihren Bildern einsetzt. Deutlicher als in den Fotos tritt in den Videos der schweisstreibende Körpereinsatz zu Tage, der sie in ihren Aktionen bis an die Grenzen der physischen Kräfte treibt. Mit kritischem Humor hinterfragt Michel die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft. Diese Kritik steht jedoch nur bedingt – durch den Hinweis auf den weiblichen Körper als Dekorationsstück oder als voyeuristisches Objekt – im Vordergrund. Ebenso wichtig ist der Künstlerin die ästhetisch perfekte Inszenierung und die Sorgfalt, mit der auf jedes Detail geachtet wird, damit die Szenen als selbstverständlich und unwahrscheinlich zugleich empfunden werden. Dieses Vorgehen ruft ein Objekt von Meret Oppenheim in Erinnerung, das sie 1936 in aller Selbstverständlichkeit als Ma gouvernante auf einem Silbertablett präsentierte: zwei zusammengebundene Stöckelschuhe, die Assoziationen an ein gebratenes Huhn wecken. Hingegen unterscheiden sich die Inszenierungen von Michel deutlich von den Maskeraden der Amerikanerin Cindy Sherman, deren skurrile fotografische Selbstbildnisse noch dem abgebrühtesten Kunstbetrachter einen Schrecken einzujagen vermögen.

In der Serie Gurtenbrauerei treffen Absurdes und Selbstverständliches in irritierender Weise aufeinander. In farblich zur kühl-industriellen Umgebung assortierter, femininer Kleidung legt sich die Künstlerin wie ein abgestreiftes Kleidungsstück über eine Leitungsröhre oder über eine Brüstung. Das zu den Schuhen passende, silbern glänzende Handtäschchen hängt jeweils adrett in «unerreichbarer Griffnähe». Das unwahrscheinliche Zusammentreffen eines elfenhaften Wesens mit den männlich geprägten, industriellen Produktionsräumen einer Brauerei weckt nicht nur verschiedenste Emotionen, aus der unmöglichen Verbindung dieser beiden Weiten geht auch eine beklemmende Ahnung verborgener Wünsche und Ängste hervor.

 

(Quelle: Katalog ‚Innovation und Tradition‘, Bern 2001)

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"Wäre dies der Ansatz einer neuen gesellschaftlichen Form?"