André Thomkins

Die künstlerische Welt von Andre Thomkins breitet sich in der Regel auf recht kleinem Format aus, dennoch überschreitet sie in jeder Hinsicht Grenzen: Feinste Aquarelle und fantastische Miniaturzeichnungen sind ein Markenzeichen des Künstlers. In den Bildern und Objekten stösst er durch assoziatives Zeichnen und Gestalten zu surrealistischen Bildräumen und fiktiven Realitäten vor.

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Mit den «Lackskins», den in einer flachen, mit Wasser gefüllten Wanne auf die Wasseroberfläche applizierten und anschliessend auf Papier übertragenen «Lackhäuten», entwickelte er in den 50er Jahren eine neue, spielerische Kunsttechnik, die sich an eine Papier-Einfärbetechnik des Buchbinderhandwerks anlehnt. Die Sprache und das Wort dienten ihm als unerschöpflichen Fundus für sein gestalterisches Werk. Seine Gedichte und Wortspiele – oft in Form von Palindromen oder Anagrammen – die er auch als Bildtitel einsetzte, haben seinen Ruhm mitbegründet. Er wollte den geläufigen «Reliefpfeiler», der vorwärts und rückwärts gelesen denselben Sinn ergibt, mit seinen Palindromen übertreffen und erreichte dies in poetischer und ironischer Weise mit Sinn stiftenden und zugleich Sinn suchenden Wortschöpfungen, die er «Retroworter» nennt: «oh! cet écho!», «nee, die ideen» oder «reize vitaler stiere – bereits relative zier». Das Aquarell Neuland zeigt eine von fiktiven Architekturelementen durchdrungene Landschaft, die von kleinen Figuren bevölkert ist. Die Bildelemente lösen sich zum Teil in wolkigen Pinselstrichen auf. Es entsteht der Eindruck, als ob der Künstler bewusst versuchte, ein malerisches Neuland zu erforschen, das zwischen den «Lackskins» und dem Aquarell liegt. Der Verlust des exakten Pinselstriches rührt auch daher, dass Thomkins' Sehkraft seit den 70er Jahren nachliess.

Die kleine Landschaftsszene erinnert an spätmittelalterliche Darstellungen von Wunderszenen, so z. B. die groteske Situation mit dem heiligen Franziskus, der seine Stigmata durch einen Holzhammer empfängt, oder die Szene mit dem Einsiedler, der sich in die Wüste seiner Fantasie zurückzieht, um dort wundersame Dinge zu erleben. André Thomkins kreiert spielerische Gegenweiten zur rationalen Welt der Logik. Neuland, der Titel des Aquarells, steht sinngemäss für den unendlichen Einfallsreichtum des aberwitzigen und von seinen Freunden seines Charmes und seiner Ausstrahlungskraft wegen hoch geschätzten, leider viel zu früh verstorbenen Künstlers.

(Quelle: Katalog ‚Innovation und Tradition‘, Bern 2001)

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